Bettagsmandat 2026 - Wachstumsschmerzen
Seit der Gründung des Bundesstaates 1848 hat der Dank-, Buss- und Bettag eine besondere Bedeutung als Zeichen staatlicher und konfessioneller Einigung. Zu diesem Zweck veröffentlichen die Kantonsregierungen jeweils eine Botschaft an das Volk, das sogenannte Bettagsmandat. Damit bieten sie ihren Bewohnern einmal im Jahr einen Halt an, um sich über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg auf gemeinsame Werte und Orientierungspunkte zu besinnen und zu verständigen. Das Bettagsmandat im Kanton Glarus verfasst der Regierungsrat zusammen mit zwei Vertretern der Landeskirchen.
Wachstumsgestaltung mit Weitsicht, Verantwortung und Respekt
Wachstum ist etwas, das wir meist positiv bewerten. Eine Gemeinde wächst, Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, Familien ziehen zu, neue Ideen entstehen. Wachstum verspricht Chancen, Dynamik und Zukunft. Doch jede Entwicklung hat auch ihre Kehrseite. Wachstum verläuft selten geräuschlos – es bringt Spannungen, Anpassungen und manchmal auch Schmerzen mit sich.
Das kennen wir aus unserem persönlichen Leben. Wer sich weiterentwickelt, muss Gewohntes hinter sich lassen, neue Wege gehen und Unsicherheiten aushalten. Ähnlich verhält es sich mit einer Region oder einem Kanton. Mehr Einwohnerinnen und Einwohner bringen Leben und Vielfalt, erhöhen aber auch den Bedarf an Wohnraum, Schulen, Verkehrsinfrastruktur und Erholungsräumen. Veränderungen werfen Fragen auf und wecken unterschiedliche Erwartungen.
Gerade im Glarnerland erleben wir, wie wichtig es ist, Wachstum bewusst zu gestalten. Es geht nicht darum, jede Veränderung zu begrüssen oder sie grundsätzlich abzulehnen. Vielmehr braucht es den Mut, Entwicklungen vorausschauend zu planen und sorgfältig abzuwägen. Wachstum darf kein Selbstzweck sein. Sein Wert zeigt sich darin, ob es die Lebensqualität der Menschen verbessert.
Lebensqualität entsteht, wenn wirtschaftliche Entwicklung, soziale Verbundenheit und eine intakte Natur im Gleichgewicht bleiben. Sie zeigt sich in kurzen Wegen, lebendigen Dörfern, guten Arbeitsplätzen, funktionierenden Schulen und einer Landschaft, die auch kommenden Generationen Heimat bietet. Dieses Gleichgewicht zu bewahren, ist anspruchsvoll – und genau darin liegt die eigentliche Aufgabe.
Wachstumsschmerzen lassen sich deshalb nicht vollständig vermeiden. Sie sind oft ein Zeichen dafür, dass etwas in Bewegung ist. Entscheidend ist jedoch, wie wir damit umgehen. Hören wir einander zu? Finden wir tragfähige Kompromisse? Denken wir über die nächste Legislatur hinaus?
Gestalten wir Wachstum mit Weitsicht, Verantwortung und Respekt, können aus Spannungen neue Chancen entstehen. So werden Wachstumsschmerzen zum Ansporn, Wohlstand und Lebensqualität miteinander zu verbinden.
Die Wachstumsschmerzen unserer Zeit
Der Begriff Wachstumsschmerzen ist vielen aus der Kindheit vertraut. Er steht für vorübergehende Beschwerden, die mit einer Phase der Entwicklung verbunden werden. Im übertragenen Sinn erlebt gegenwärtig auch unsere Gesellschaft solche Wachstumsschmerzen – ausgelöst unter anderem durch das Bevölkerungswachstum.
Dieses sorgt vielerorts für gesellschaftliches Unbehagen, auch nach der Abstimmung über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». Denn mit dem Nein an der Urne sind die Herausforderungen nicht verschwunden – sie bleiben bestehen und verlangen nach tragfähigen Lösungen.
Denn die Herausforderungen sind vielfältig: Die steigenden Lebenshaltungskosten belasten Menschen mit tieferen Einkommen. Auch im Glarnerland ist ein Anstieg der Immobilien- und Mietpreise festzustellen. Gleichzeitig nimmt die Verkehrsbelastung zu. Mit den Natur-, Kultur- und Landwirtschaftsflächen gilt es, sorgsam umzugehen und den gewachsenen Charakter unserer Dörfer zu bewahren und gleichzeitig Veränderung und Innovation zuzulassen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie werden wir nicht nur grösser, sondern auch reifer? Qualität muss mit Quantität Schritt halten, sonst verlieren wir alle. Gesellschaftlicher Wandel hat die Menschheit seit jeher begleitet. Jede Generation war gefordert, Antworten auf die Herausforderungen ihrer Zeit zu finden – heute sind wir an der Reihe.
Der Bettag lädt uns ein, diesen Fragen mit Hoffnung zu begegnen. Er erinnert an den Frieden zwischen Konfessionen, politischen Überzeugungen und Bevölkerungsgruppen und richtet unseren Blick auf Gott. Wir müssen nicht alles aus eigener Kraft bewältigen. Gott schenkt Orientierung, stärkt uns und eröffnet neue Sichtweisen. In seinem Geist dürfen wir Zuversicht und Zusammenhalt finden.
Zusammenhalt als Kraft unserer Gesellschaft
Gerade in Zeiten des Wandels wird deutlich, wie wichtig dieser Zusammenhalt ist. Er zeigt sich nicht zuerst daran, wie erfolgreich oder wohlhabend eine Gesellschaft ist, sondern wächst dort, wo Menschen einander mit Vertrauen begegnen, Verantwortung füreinander übernehmen und niemanden aus dem Blick verlieren.
So sagt der Apostel Paulus: «Einer trage des andern Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.» (Galater 6,2).
Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen einander beistehen, Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung verstehen und sich von Respekt und Nächstenliebe leiten lassen. Das ist gelebte christliche Kultur.
Unsere Gesellschaft verändert sich, und vieles Vertraute gerät in Bewegung. Gerade dann wächst die Versuchung, sich zurückzuziehen oder sich voneinander abzugrenzen. Vertrauen, Mitmenschlichkeit und Solidarität sind dabei ein kostbarer Reichtum. Sie lassen sich weder verordnen noch erkaufen. Sie wachsen dort, wo Menschen einander zuhören, Brücken bauen und Verantwortung für das gemeinsame Leben übernehmen.
Echter Zusammenhalt beginnt bei Gott. Jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen und besitzt eine unverlierbare Würde. Darum sind wir aufgerufen, einander mit Respekt, Vertrauen und Mitmenschlichkeit zu begegnen. Zusammenhalt ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Geschenk Gottes und Aufgabe zugleich. Der Bettag lädt uns ein, um Gottes Segen für unser Zusammenleben zu bitten und uns für das Gemeinwohl einzusetzen. Aus dem Vertrauen auf Gott können Hoffnung, Versöhnung und neue Gemeinschaft entstehen.
Bitten wir Gott um seinen Geist, der unsere Herzen öffnet und uns befähigt, den Wandel gemeinsam, verantwortungsvoll und hoffnungsvoll zu gestalten.
Orientierung an den christlich-abendländischen Wertvorstellungen
Wachstumsschmerzen begleiten den körperlichen Wandel, gelten medizinisch als harmlos und führen nicht zu bleibenden Schäden. Sie können Kinder erfahren lassen, dass auch starke Schmerzen ohne Schaden vorübergehen. Dadurch werden Aufmerksamkeit, Resilienz und Vertrauen gestärkt.
Auch unser Land erlebt derzeit aufgrund der Bevölkerungsentwicklung einen ungewohnten Wachstumsschub. Wir merken dabei insbesondere, dass neben dem damit sonst verbundenen Wohlstand plötzlich auch Herausforderungen zu meistern sind, für die Patentrezepte fehlen. Noch mehr als früher kommen mit den Arbeitskräften andere Wertvorstellungen zu uns. Dies führt zu kontroversen Diskussionen, insbesondere im Umgang mit dem knapper werdenden Lebensraum. Auch die Integration unterschiedlicher Kulturen wird anspruchsvoller.
Die Besinnung auf unsere christlich-abendländischen Wertvorstellungen kann Orientierung bieten. Ihr Kern besteht in der unverletzlichen Menschenwürde, der Nächstenliebe sowie der Freiheit und Verantwortung des Einzelnen vor Gott und der Gesellschaft. Diese Werte bilden seit Langem eine Grundlage für das friedliche Zusammenleben in unserem Land. Sie sind von universeller Gültigkeit, aber keine starren Prinzipien, denen sich alle beugen müssen. Im Gegenteil verlangen Menschenwürde, Nächstenliebe, Freiheit und Eigenverantwortung vielmehr nach sozialer Güterabwägung, Gleichstellung und gegenseitiger Rücksichtnahme. Alle Kulturen in unserem Land sind verpflichtet, sich in diesen Rahmen einzufügen. Zugleich dürfen sie darauf vertrauen, in ihren Besonderheiten akzeptiert zu werden.
Jeder Mensch kann dazu beitragen, die demografische Entwicklung im Sinne dieser Werte positiv zu gestalten. Das gilt auch für den Staat, der die Menschen zu einer Gemeinschaft verbindet. Auch der Regierungsrat des Kantons Glarus hat sich dies vorgenommen: Er widmet die kommende vierjährige Legislatur von 2027 bis 2030 schwergewichtig dem Thema Bevölkerung und Wachstum. Dazu erarbeitet er zahlreiche Massnahmen, mit denen nicht nur die Resilienz des Kantons, sondern auch das Vertrauen in eine Bevölkerungsentwicklung gestärkt werden soll, die allen zugutekommt. Alle sind eingeladen, diesen Weg zur Überwindung der Wachstumsschmerzen mitzugehen.
Autoren:
Regierungsrat Kaspar Becker über «Wachstumsgestaltung mit Weitsicht,
Verantwortung und Respekt»;
Pfarradministrator der Katholischen Pfarrei St. Hilarius in Näfels, Gregor Barmet, über «die Wachstumsschmerzen unserer Zeit»;
Pfarrerin der Reformierten Kirchgemeinde Glarus-Riedern Dagmar Doll über «Zusammenhalt als Kraft unserer Gesellschaft»
Ratsschreiber Arpad Baranyi über «Orientierung an den christlich-abendländischen Wertvorstellungen»..


